Thesen zum modernen Machismo

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November 11, 2012 by Julian Hartmann

Der moderne Mann ist ziemlich verunsichert. Aber es gibt Auswege aus dem Gender-Dilemma. Es wird Zeit, dass wir uns emannzipieren!

Herrschaftszeiten, was ist nur mit den Männern los? Verwirrung, wohin man schaut. Auf sueddeutsche.de war kürzlich zu lesen: “Der Mann von heute bewegt sich permanent an der Schwelle zur Schizophrenie. Zumindest steckt er inmitten einer dauerhaften Identitätskrise.“ Der Focus griff das Thema mit einem eigenen Männerheft auf – und kommt zu dem Ergebnis: „Die Geschlechterrollen haben sich verändert, Männer können heute alles sein. Die große Freiheit 2012 schafft aber auch große Verunsicherung.“

Der Alpha-Softi eiert ein wenig herum

Was genau ist das Problem? Soll doch jeder, wie er mag, raunt der Individualist. Und er hat recht. Doch eines übersieht er: Männer wollen Frauen gefallen, darum ging es schon immer (Heterosexualität vorausgesetzt). Und Frauen haben sich verändert. Nach 40 Jahren Emanzipation haben sie gestiegene Ansprüche an die Männer: Groß und stark und gutverdienend reicht schon lange nicht mehr – auch einfühlsam, kultiviert und engagiert im Haushalt soll er sein, der Traumpartner von heute. „Frauen sind die Emanzipationsgewinner, Männer bis auf Weiteres die Verlierer“, bringt es der Focus auf den Punkt. Willkommen in der Sackgasse der Emanzipation! Die Folge: Die Lusche, das Weichei, der Metrosexuelle, Der Alpha-Softi, wie Forscher den herangezüchteten Typus Mann nennen, eiert ein wenig herum. Denn er weiß nicht mehr, was ihn als Mann ausmacht. Wieviel Männlichkeit er wagen darf und soll. Zwischen Windelnwechseln und Work-Life-Balance ist ihm die Souveränität abhanden gekommen. Dummerweise war und ist es aber genau das, das Frauen an Männern sexy finden: Souveränität. Also stürzen sich die Damen mitunter in Affären mit sogenannten echten Kerlen (glaubt mir, ich weiß, wovon ich spreche).

Auswege aus dem Dilemma

Die Zeichen der Zeit stehen auf Rückbesinnung zur Männlichkeit. Aber wie soll das gehen? Schluss mit der Umerziehung und zurück zum Archaischen? Das wäre viel zu einfach – und ein Armutszeugnis für XY. Der mit Verstand ausgestattete Mensch sollte fähig sein, sich den Anforderungen anzupassen und sich – wie die Frauen – zu entwickeln. „Get up and evolve“, wie Glenn O‘Brien in seiner wunderbaren Stilfibel How to be a Man fordert. Es ist es Zeit für ein selbstbewusstes, modernes und akzeptiertes Männerbild. Und es gibt Auswege aus dem Männer-Dilemma.

Das hat auch der Playboy erkannt und bietet in einer Spezialausgabe Orientierungshilfe an. Darin werden „die wichtigsten Stil- und Spielregeln für Gentlemen“ angepriesen (ein Zeichen dafür, dass wir es allesamt verlernt haben?). Das Ganze unter dem wegweisenden Motto „How to be a Playboy“ (mit George Clooney auf dem Cover, und kein Bunny weit und breit, das muss man sich mal vorstellen). Im Vorwort schreibt der Chef-Playboy und Playboy-Chef: „Der konturlose, der wohltemperierte Typ Mann hat ausgedient.“ Seine Einschätzung: „Der moderne Mann ist im besten Sinne altmodisch.“

Ich stimme zu, doch meine Thesen gehen über pure Nostalgie und Clooney-Verehrung hinaus. Denn ich finde, wir müssen uns ein wenig mehr anstrengen, als nur den Gentleman von gestern zu geben. Wir müssen uns emannzipieren!

Thesen zum modernen Machismo
  • Frauen mussten sich ihre Gleichberechtigung über Jahrhunderte erkämpfen. Männer hatten es vergleichsweise bequem. Nun sind wir an der Reihe mit geschlechterspezifischer Anpassung. Freunde, das wird jetzt unerfreulich, aber es wird Zeit, an uns zu arbeiten! Es wird Zeit, uns zu emannzipieren.
  • Emannzipation meint die Befreiung aus den Fesseln von Schluffitum und Metrosexualität bei gleichzeitiger Erweiterung der Beziehungs-Skills.
  • Metrosexualität war ein großer Irrtum (in der Liste der größten Irrtümer der Neunziger noch vor Eurodance auf Platz 1). Selbstverständlich dürfen Männer weibliche Züge haben (oder sich die Brust rasieren). Doch wenn dabei das Gespür für Männlichkeit auf der Strecke bleibt, ist niemandem geholfen (fragt mal die Frauen!).
  • Der moderne Machismo hat mit dem traditionellen Machismo nichts zu tun. Er ist ein provokanter Kunstbegriff.
  • Für den modernen Machismo sind Gleichberechtigung und Emanzipation Selbstverständlichkeiten.
  • Der moderne Machismo bedeutet Machismo im besten, nie dagewesenen Sinne: Er lässt Männlichkeit zu 100 Prozent zu, ohne das Weibliche in irgendeiner Form abzuwerten. Männlichkeit ist großartig – Weiblichkeit auch. Also steht dazu, beide!
  • Der moderne Machismo ist kein Rückfall ins Archaische. „Jagen, Sex und Tiere essen“ ist erlaubt und erwünscht, jedoch nicht aus Trotz, Abkehr oder Bequemlichkeit, sondern als Facette einer vielschichtigen Persönlichkeit.
  • Der moderne Machismo ist eine Fortentwicklung. Wie jede Weiterentwicklung ist sie mit Ideen, Kreativität und Energie verbunden.
  • Der moderne Machismo fordert den Männern Flexibilität und Intelligenz ab (auch emotionale).
  • Solange wir nicht perfektionieren, was Frauen von uns erwarten, werden sie uns nicht respektieren.
  • Der moderne Machismo steht im Widerspruch zu Sturheit, Borniertheit oder altmodischen Rollenverständnissen.
  • Der moderne Machismo steht im Widerspruch zu Wischiwaschi.
  • Der moderne Machismo fordert und fördert Souveränität.
  • Der moderne Machismo hat Stil.
  • Der moderne Machismo ist smexy.
  • Der moderne Machismo vereint Männer, die Frauen auf Händen tragen und sich kümmern, sich aber zu keiner Zeit einlullen lassen oder vor klaren Ansagen drücken.
  • Der moderne Machismo vereint Gentlemen und Playboys im besten Sinne der Worte: Seid zuvorkommend und spielt!

… wird fortgesetzt.

8 thoughts on “Thesen zum modernen Machismo

  1. Holly Wood says:

    Ein gelungener Artikel. Ich kann zwar nicht für alle Frauen sprechen, aber ich denke, genauso wünschen die meistens von uns sich einen Mann. Ein männlicher Gentleman mit Softskills😉

  2. Cassy says:

    Erst einmal Danke an Holly für den Hinweis auf diesen Blog.🙂

    Hallo Julian!
    Es stimmt leider. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Männer – mal mehr, mal weniger – verunsichert sind. Deswegen ist das Besinnen auf die eigene Männlichkeit auch in meinen Augen der einzig vernünftige Weg.

    Bei einem Punkt bin ich allerdings zurückgezuckt:
    “Solange wir nicht perfektionieren, was Frauen von uns erwarten, werden sie uns nicht respektieren”.

    Wenn man Erwartungshaltungen erfüllen will/muss (egal in welchen Bereichen), ist man zu oft gezwungen, sich zu verbiegen. Und nur allzu oft erntet man keinen Respekt, sondern die Erfüllung des Anspruchs wird als selbstverständlich genommen. Das führt zu Frust.

    Ich äußere Wünsche und bedanke mich mit einem Lächeln (oder was auch immer), wenn mir diese erfüllt werden. Falls nicht, zicke ich nicht rum, sondern sage, dass es okay ist. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass Männer wesentlich entspannter sind, wenn sie merken, dass “nichts” von ihnen erwartet wird. Umso mehr bekommt man von ihnen. Und sollte ein Wunsch – trotz mehrfachen Äußerns – überhaupt nicht erfüllt werden, kann man meistens auch damit leben.😉

    Weiterhin viel Spaß und Erfolg beim Bloggen. Ich komme auf jeden Fall wieder.
    Cassy

  3. Chris says:

    Dieser Beitrag glänzt und bringt es auf den Punkt. Der Anmerkung von Cassy stimme ich uneingeschränkt zu.

    Vielen Dank.
    Chris

  4. […] trifft es auf den Punkt: Neue Männer braucht das Land. Oder in meinen Worten: Herrschaftszeiten, emannzipiert euch […]

  5. […] Um nicht in Selbstmitleid zu verfallen (mir sind die Taschentücher ausgegangen), und weil ich einen Rückfall in dumpfe Zeiten unbedingt verhindern möchte, richte ich meinen Fokus auf uns. Auf uns Männer. Wir sind es, die nach 40 Jahren Emanzipation ein wenig herumeiern. Wir wissen nicht mehr, was uns aus Mann ausmacht. Wieviel Männlichkeit wir wagen dürfen und sollen. Zwischen Windelnwechseln und Work-Life-Balance ist uns die Souveränität abhanden gekommen. Nun stehen die Zeichen der Zeit auf Rückbesinnung zur Männlichkeit. Aber wie soll das gehen? Der mit Verstand ausgestattete Mensch sollte fähig sein, sich den gestiegenen Anforderungen anzupassen und sich – wie die Frauen das getan haben – zu entwickeln. Es ist es Zeit für ein selbstbewusstes, modernes und akzeptiertes Männerbild. Ich sage: Wir müssen uns emannzipieren! […]

  6. […] die Thesen zum modernen Machismo (und entwickle sie […]

  7. Vicky Amesti says:

    Einiges von dem was Du schreibst erscheint mir ja einleuchtend. Wobei sich mir allerdings immer die Fußnägel aufrollen ist, wenn ich den Begriff “Machismo” lese. Vielleicht liegt es daran, dass ich spanischsprachige Wurzeln habe. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich im Laufe meines Studiums in einigen Seminaren mit dem Begriff auseinander gesetzt habe.

    Jedenfalls bezeichnet “Machismo” nicht einfach “Männlichkeit” oder “Maskulinität”. (und klingt einfach exotischer). “Machismo” ist auch nicht einfach die Erweiterung des hierzulande gebräuchlichen “Machos” (wobei der Begriff auch echt seine Tücken hat!).

    “Machismo” ist ein Verständnis von Männlichkeit, welches besonders im Zusammenhang mit Männlichkeitskonstruktionen in Lateinamerika aber auch Spanien und Portugal steht. “Machismo” ist in diesem Zusammenhang ein hochgradig politischer Begriff.
    Grundpfeiler des Machismos ist nunmal die Vorstellung, Männer seien etwas besseres als Fraues, seien mehr Wert als Frauen, weil sie Männer sind und als solche männliche und bessere Eigenschaften verkörpern. Wenn Du schreibst, für Dich sei das nicht so, ist es unlogisch, dass Du den Begriff “Machismo” verwendest. Du kannst nicht im Alleingang einen Begriff mit seiner ganzen Bedeutungsdimensionen umdeuten, ohne ihn überhaupt oderntlich reflektiert und in seinen Kontext eingebettet zu haben. Und eben einfach auch nicht, wenn er allgemein etwas anderes bezeichnet, als das, was Du mit ihm ausdrücken willst. Dann ist das einfach der falsche Begriff.

    • julihartmann says:

      Schön, dass das mal jemand thematisiert. Danke dafür, Vicky!

      Es ist so: Ich möchte mit der Zusammenführung eines umstrittenen Begriffs, der in seinem Wortursprung hoch politisch und aus meiner Sicht völlig überholt und nicht zu akzeptieren ist, und des Wortes “modern” schlichtweg provozieren. Das Konstrukt treibt auf die Spitze, was ich einfordere: 100 % Männlichkeit bei 100 % Gleichberechtigung.

      Ich hatte ohnehin vor, die Wortgeschichte des Machismo mal auf dem Blog zu skizzieren. Dann wird hoffentlich klarer, dass mögliche erste Assoziationen falsch sind.

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