Alice Schwarzer zum Siebzigsten

4

December 2, 2012 by Julian Hartmann

Sie ist die Supernova der Emanzipation. Man sollte ihr einen Orden verleihen. Vorerst gibt’s einen offenen Brief zum runden Geburtstag

Sehr verehrte Alice Schwarzer,

Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie. Aufgewachsen in den Neunzigern, diesem verwirrenden Jahrzehnt, meine ich verinnerlicht zu haben, wofür Sie sich Ihr Leben lang stark machten: Aufhebung der traditionellen Rollenverteilung, finanzielle Unabhängigkeit der Frau, Chancengleichheit von Frauen und Männern, kurzum: „die Vermenschlichung der Geschlechter“, wie Sie das auf den Punkt brachten. Für mich als Mann Mitte 30 ist es selbstverständlich, dass ich den Haushalt schmeiße, wenn meine Freundin an ihrer Karriere schraubt (und umgekehrt); dass ich sie unterstütze, wenn sie sich verwirklicht; dass wir gemeinsam entscheiden, wohin wir im Leben wollen. Auf Augenhöhe und in Balance.

Für mich – und ich glaube, ich bin da keine Ausnahme – ist Emanzipation weder Schimpfwort noch Bedrohung, sondern eine der großartigsten gesellschaftlichen Errungenschaften unserer Zeit. Und Sie, sehr verehrte Alice Schwarzer, Ihnen sollte man einen grellen Orden an die schwarze Bluse heften (Sie dürfen ihn gerne selbst anstecken).

Heute werden Sie 70, und ich werde wütend. Alice Schwarzer, Sie wären stolz auf mich, aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter, denn Emma ist weg. Also meine Emma. Die Frau, die ich heiraten wollte, hat mich verlassen für einen dominanten Karrieristen. Einen dieser Steinzeitjäger, der alle Klischees des brusttrommelnden Testosterontonis und scheinbaren Auslaufmodells von Mann erfüllt und jedes Aufflammen von Metrosexualität unterdrückt wie eine glimmende Kippe in der Gosse. Alphatier statt Alpha-Softi. Christian Grey statt Jogi Löw.

Herrschaftszeiten, was bin ich wütend! Und ich bin verunsichert, aber es geht hier nicht um mich. Ich bin verunsichert, weil ich eine Sehnsucht vieler Frauen nach urtypisch männlichen Rollen zu erkennen glaube (und eine unterdrückte Sehnsucht nach altmodischem Frausein); weil ich eine Rückbesinnung – teils aus Trotz, teils aus Überzeugung – vieler Männer hin zum archaischen Rollenbild feststelle; weil ich ahne, die Emanzipation steht auf der Kippe. Es geht zurück.

Um nicht in Selbstmitleid zu verfallen (mir sind die Taschentücher ausgegangen), und weil ich einen Rückfall in dumpfe Zeiten unbedingt verhindern möchte, richte ich meinen Fokus auf uns. Auf uns Männer. Wir sind es, die nach 40 Jahren Emanzipation ein wenig herumeiern. Wir wissen nicht mehr, was uns als Mann ausmacht. Wieviel Männlichkeit wir wagen dürfen und sollen. Zwischen Windelnwechseln und Work-Life-Balance ist uns die Souveränität abhanden gekommen. Wie man überall lesen und mitunter spüren kann, stehen die Zeichen der Zeit auf Rückbesinnung zur Männlichkeit. Aber wie soll das gehen? Ich finde, der mit Verstand ausgestattete Mann sollte fähig sein, sich den gestiegenen Anforderungen anzupassen und sich – wie die Frauen das getan haben – entwickeln. Es ist Zeit für ein selbstbewusstes, modernes und akzeptiertes Männerbild. Ich fordere: Wir müssen uns emannzipieren!

Das, sehr verehrte Alice Schwarzer, ist nicht Ihr Problem. Aber es interessiert Sie vielleicht, was Ihr Engagement für gesellschaftliche Folgen hat. Vielleicht wären Sie ja bald schon nicht mehr stolz auf mich, aber ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss (ich mochte den Spruch nie, jetzt schon).

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag,

Ihr Julian Hartmann.

4 thoughts on “Alice Schwarzer zum Siebzigsten

  1. […] kluge Feminismus-Aktivistinnen, allen voran Alice Schwarzer, nicht als Feinde (es heißt: Feindinnen, wäre es dir […]

  2. […] und anderen Matschbirnen nichts am Hut habe. Im Gegenteil plädiere ich für Gleichberechtigung und Emanzipation. Aber eben auch für die Rückkehr zur Männlichkeit zu 100 Prozent. Macho im besten und […]

  3. […] Alice Schwarzer und Rainer Brüderle sind schuld. Nicht dass die beiden viel gemeinsam hätten, also eigentlich gar nichts. Aber ohne die beiden wäre vieles einfacher in diesen Tagen als Mann Mitte 30. Ich behaupte ja, wir sind verwirrt. Komplett verwirrt. Aufgewachsen in den Neunzigern, diesem Nicht-Jahrzehnt, als die Metrosexuellen noch androgyne Hoffnungen hatten, haben wir verlernt, was es heißt, ein Mann zu sein. Da braucht man sich nur umzuschauen: Zwischen Windelnwechseln und Work-Out, zwischen Pastinakensüppchen und Pick-Up-Seminaren herrscht Orientierungslosigkeit deluxe. XY ungelöst. […]

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

Das Buch zum Blog

Stoff, Baby!

Der Roman zum Blog

Für immer Juli

Gern ges(ch)ehen

Archiv

Besucher

  • 342,280 hits

"Don't just lie there. Get up and evolve!" (Glenn O'Brien)

E-Mail-Adresse eingeben und auf dem Laufenden bleiben.

Join 77 other followers

Barry White Zitat
%d bloggers like this: