Das Ende der Männer ist der Anfang der Männer

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February 3, 2013 by Julian Hartmann

Hanna Rosin ergründet den “Aufstieg der Frauen” in den USA. Leider wird ihr populäres Sachbuch als Aufregerschrift vermarktet. Eine Rezension.

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Worum geht‘s? Das Buch protzt mit provokanten Thesen zur Gender-Debatte: “Die Herrschaft der Männer geht zu Ende. Das 21. Jahrhundert wird weiblich”, lautet die Prämisse dieser Schrift, die einer Hymne auf die Flexibilität der modernen Frau gleichkommt. Eine populär-wissenschaftlich unterfüttete Bestandsaufnahme zu einer spannenden dynamischen Gesellschaft, deren ökonomische Koordinaten sich ebenso verschieben wie die Rollenverteilung in Ehe, Beziehung und Familie.

Worum geht‘s wirklich? Das eigentliche Thema dieses zum Sachbuch hochgejazzten Essays ist der wirtschaftliche, gesellschaftliche und soziale Aufstieg der Frauen in den USA unserer Zeit. Das auf dem Cover klein Gedruckte ist also der Kern; der um Aufmerksamkeit lechzende Titel ist die populistische, weil vermeintlich verkaufsfördernde Überspitzung dieser Entwicklung. Ganz klar: Eine Männer-Hassschrift ist das Buch in keiner Zeile. Die Vielschichtigkeit der XY-Träger wird aber auch nicht beleuchtet (außer in einem Anflug einer offenbar gut gemeinten Vision am Ende des Buches). Vielmehr belegt die Autorin, dass amerikanische Frauen immer häufiger die Rolle der Ernährerin übernehmen, dass sie besser ausgebildet sind und sexuell forscher werden. Und sie führt vor Augen, dass mit dem Aufstieg der Frauen auch die weibliche Gewalt zunimmt. Ein verblüffender Aspekt, zugegeben.

Hanna Rosin Website

Wer ist die Autorin? Hanna Rosin, geboren in Israel, ist Journalistin aus Washington, D.C. Ihre Beiträge (u.a. für Slate, The Atlantic, The Washington Post, The New Yorker) wurden mit Preisen ausgezeichnet und stießen in den USA kontroverse Debatten an. Ihrem Buch liegt der Artikel „The End of Men“ zugrunde, den sie 2010 veröffentlicht hatte. Hanna Rosin ist verheiratet und hat drei Kinder.

Was steht da so drin?

„Der Mann aus Pappe hingegen ändert sich fast gar nicht. Ein Jahrhundert kann vergehen, und sein Lebensstil und seine Ziele sind immer noch fast die Gleichen. Viele Berufe, in denen früher nur Männer tätig waren, werden heute auch von Frauen ausgeübt, aber umgekehrt ist dies kaum der Fall.“

„Es gibt keine ,natürliche‘ Ordnung, nur die Dinge, wie sie sind.“

„Irgendwann in den vergangenen 40 Jahren war auf dem Arbeitsmarkt der Punkt erreicht, wo Kraft und Größe keine Rolle mehr spielten, und von da an büßten die Männer ihre Vormachtstellung ein.“

„Das größte Hindernis für Frauen, die heutzutage höchste Machtpositionen anstreben, besteht aus einer Anzahl unausgesprochener Annahmen, nämlich dass Frauen nicht wettbewerbsorientiert, dominant oder hungrig genug wären, um es zu schaffen. Aber mit der Wucht einer Lady Gaga, einer Katniss Everdeen und von Schulmädchen mit Stollenschuhen und blauen Flecken sind sie nun dabei, auch noch diese letzte Barriere zu durchbrechen.“

„Frauen lernen vielleicht mit der Zeit, diesen Drahtseilakt zu perfektionieren. In ihrer unbegrenzten Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit treffen sie vermutlich genau den richtigen Ton zwischen weiblich und aggressiv, um vorwärtszukommen, ohne dass andere misstrauisch werden.“

„Das Problem ist, dass sich Männer durch die sexuelle Revolution kaum veränderten. Sie haben heute noch so ziemlich die gleichen sexuellen Vorlieben und Sehnsüchte wie in den frühen 1960er Jahren.“

„Haben Frauen die größere ,erotische Plastizität‘?“

Wie ist es denn nun? So provokant der Titel, so redundant der Inhalt. Dass sich Frauen – im Gegensatz zu Männern – in den vergangenen Jahrzehnten fortentwickelt, den gesellschaftlichen Veränderungen angepasst und so den Aufstieg der Frauen erkämpft haben, diese These dekliniert Rosin auf knapp 400 Seiten bis zum Exzess durch: beim Flirten, in der Ehe, in der amerikanischen Mittelschicht, an der Uni, an der Spitze der Unternehmen etc. Und so ist “Das Ende der Männer” in erster Linie als populärwissenschaftlicher XXL-Aufsatz zu einer sehr wohl bemerkenswerten gesellschaftlichen Entwicklung zu verstehen. Ein Aufsatz, der hauptsächlich auf Zahlen aus den USA fußt und deshalb nicht beliebig auf andere Länder übertragen werden kann. Sympathisch, die Widmung der Autorin: “Für Jacob, tut mir leid wegen des Titels.”

Inspirationsfaktor auf der nach oben offenen Machismoskala: 1 von 2 X-Chromosomen.

Epilog: Wo Hanna Rosins Buch aufhört, fängt Schluss mit luschig an. Mit der von mir angezettelten Emannzipation wird ebenjene Entwicklungsbereitschaft des modernen Manns eingefordert, die Rosin in ihren Studien vermisst. Aufgrund dessen ist „Das Ende der Männer“ der Anfang der Männer. Der Anfang der modernen Männer.

3 thoughts on “Das Ende der Männer ist der Anfang der Männer

  1. goldwaescher says:

    So leid es mir tut: Ob populärwissenschaftlich oder nicht, USA- Erkenntnisse oder Deutsche – die aufgezeigten Fakten, Eindrücke oder auch nur Thesen sind gewichtig, wichtig genug, um ernst genommen zu werden.
    Ich sehe Hanna Rosins Thesen am eindrucksvollsten bestätigt im Absaufen der Jungen- Karrieren in der Schulen – gegenüber dem Aufstieg der Mädels. So gerne ich das bagatellisieren möchte, so gerne ich auf männliche Karriere- Erfolge verweisen möchte- Frau Rosin hat ZU sehr recht mit ihrer Annahme: Frauen kommen gewaltig.
    Und die Chance, dass wir Männer uns aufbauen, unsere Männlichkeit (ob ursprünglich oder neu, Hauptsache: konstruktiv) entwickeln, die sehe ich nirgends verwirklicht. Leider. Da helfen weder Verdrängung noch Ironie:
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/die_maenner_sind_am_ende._die_frauen_waren_es_schon_vorher/

  2. Julian says:

    Da gebe ich dir recht, Thomas, Hanna Rosins Thesen sind wichtig genug, um ernst genommen zu werden. Sonst hätte ich das Buch gar nicht erst besprochen.

  3. […] Viele sagen, euch gehört die Zukunft. […]

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