Ein Hauch von Sehnsucht

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February 14, 2013 by Julian Hartmann

Valentinstag gehört den Verliebten. Den Verlassenen bleiben nur Erinnerungen. Dazu eine kurze Geschichte aus einer einsamen Nacht. Gefühle unbedingt erlaubt.

Ein Hauch von Sehnsucht nach der Ex (Foto via http://www.flickr.com/photos/riot_/27162996).

Der Radiowecker zeigt “3:48”. Unaufgeregt leuchten die Ziffern in der Dunkelheit meines Schlafzimmers, als handle es sich um eine Uhrzeit wie jede andere auch. Tut es aber nicht. Wer im Liegen “3:48” liest, hat entweder einen langen Abend hinter sich, einen heißen Partner neben sich – oder ein Problem. Für Option Nummer 3 hebe ich meine müde Hand. Mein Schlaf ist zerfetzt wie der Abschiedsbrief von Emma. Ständig wache ich auf, seit sie nicht mehr hier ist. Ein Schlafforscher hat mir mal erklärt, dass Unter-brechungen ganz normal seien, das liege am natürlichen Rhyhtmus und an der inneren Uhr. Was einem diese Erkenntnis hilft, wenn das Wälzen immer wieder von vorn beginnt, wusste er allerdings nicht zu beantworten. Derzeit brauche ich viereinhalb Umdrehungen, bis ich einschlafe. Mein Rundkurs sieht so aus: Kissengrabscher rechts, halbfötale Lage links, Rückenschläfer, dann zurück zum Kissengrabscher.

Der Engel der Kuschelkunst hat sich aus dem Sternenstaub gemacht

Als ich noch mit Emma unter einer Decke steckte, waren wir ein eingespieltes Team. Mit Löffelchen starteten wir in die Nacht, in der Po-an-Po-Position schliefen wir ein. Ganz am Anfang hatte es noch die Schutzengelhaltung gegeben, aber der Engel der Kuschelkunst hat sich schon lange aus dem Sternenstaub gemacht. Heute arrangiere ich mich mit dem Alleineliegen, mit dem Wälzen und dem regelmäßigen Aufwachen. Ich versuche es zumindest.

Aber dieses Aufwachen ist anders. Der Wecker zeigt “3:50”, als mir bewusst wird, dass mir Emma fehlt. Sie fehlt mir sogar schrecklich. Der Restalkohol lullt mich ein, seine Karussellfahrt ist noch nicht zu Ende, doch bin ich feinfühlig genug, den Verlust einer vertrauten Gewohnheit zu spüren. Bislang ist mir das nicht aufgefallen (oder ich habe es verdrängt), aber natürlich ist mit Emma auch mein Lieblingshauchen verschwunden. Dieser rhythmisch wiederkehrende Luftstoß, kühlend und wärmend zugleich, der mir in Schlafpausen wie dieser die Gewissheit schenkte, dass Emma da war. Ein Gefühl der Geborgenheit, gegen das der Gott der Schlafstörung nicht den Hauch einer Chance hatte. Die Luftwelle schmeichelte mir von hinten, stets an demselben Punkt.

Ich habe nie aufgehört, die schlafende Emma zu lieben.
Ehrlicher als im Schlaf ist der Mensch nie.

Folgt man mit den Fingern von unten kommend dem inneren Rand der Schulterblätter, tastet sich an der Wirbelsäule eine Handbreit nach oben, dorthin, wo die wenigsten Menschen sich zu kratzen imstande sind, hier erreicht man die Stelle, wo mich Emmas Atem traf. Immer wieder, sanft pulsierend, leicht massierend, elektrisierend. Sein Fehlen lässt mich erstarren. Ich habe nie aufgehört, die schlafende Emma zu lieben. Ehrlicher als im Schlaf ist der Mensch nie. Da gibt es kein böses Blut und keinen Streit, nur Gelassenheit und Leben.

Während ich von halbfötal zum Rückenschläfer wechsle und die Bettdecke von den Füßen strample, weil ich stressbedingt zu schwitzen beginne, taucht plötzlich das Bild auf, wie ich Emma kennenlernte. Schiebt sich einfach so auf die schwarze Mattscheibe der schlaflosen Nacht.

Ich war allein in Stuttgart gewesen, um die Fantastischen Vier für eines meiner ersten großen Interviews zu treffen. Emma war Referendarin und ebenfalls beim Konzert in der Schleyer-Halle. Sie sprach mich an, weil sie sich darüber wunderte, dass ich mir im Dunklen Notizen machte. Das Gekrakel könne doch kein Mensch lesen, sagte sie, und ich gab ihr zum ersten Mal Recht. Sie trug Blümchengummistiefel zur roten Jeans, auf ihrem Fan-Shirt stand “Die da?!”. Während ich ihr von meinem Job erzählte und sie mir von ihren jüngsten Konzerten, verpassten wir den Höhepunkt eines famosen Gigs. Doch was ist schon eine Hip-Hop-Offenbarung, wenn man die Liebe findet?

Als ich Emma am Wochenende darauf erneut in Stuttgart besuchte, küssten wir uns auf dem Weihnachtsmarkt in Zazenhausen bei Zuffenhausen (was ihr den Spitznamen Zazu einbrachte, den ich nicht mehr verwende, seit sie mich verlassen hat. Ein Kosewort muss man sich verdienen). Glühweinküsse sind die besten ersten Küsse, davon war ich fortan überzeugt. Als es dämmerte, hauchte ich ihr einen Satz in die eiskalten, wenngleich pudelbemützten Ohren, für den ich mich heute ein wenig schäme: “Ich möchte wissen, wie du im Schlaf riechst”, sagte ich damals. Sie lachte auf. Dann gingen wir zu ihr, um es herauszufinden.

Der Wecker zeigt “4:06”, als ich mich in die Embryostellung zurückziehe und mich in einen kurzen Schlaf weine.

6 thoughts on “Ein Hauch von Sehnsucht

  1. CarrieW says:

    Liebster Julian, welch Tragik in deinen Worten liegt… fast möchte ich mitweinen. Der Tag hat noch 14 Stunden. Ab Mitternacht wird nicht mehr geweint, Sehnsucht Ade!

  2. Holly Wood says:

    Lieber Julian, der Artikel ist wunderschön und traurig zugleich. Ich fühle mit dir und drücke dich in Gedanken. Und auch wenn’s abgedroschen klingt: Die Zeit heilt alle Wunden… tatsächlich! Narben bleiben allerdings zurück, da kann man nichts gegen machen.

  3. Oscuro says:

    Exzellenter Stil, liest sich sehr gut. Ich könnte schwören, sowas schonmal erlebt zu haben!😉 Tatsächlich erinnert mich die Geschichte an so vieles. Und weckt die selben Gefühle. Lachen musste ich bei :” Mit Löffelchen starteten wir in die Nacht, in der Po-an-Po-Position schliefen wir ein.” Mein all-time-favorite!

  4. Aurelie says:

    Welch wunderbarer Text mit den perfekten, leisen Tönen.

  5. Felix says:

    Hallo Julian, sehr schöner Text, er hat mich sehr berührt, meiner nicht ganz unähnlichen Situation sei “dank”

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