Aufschrei der milden Kerle

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April 19, 2013 by Julian Hartmann

Matthias Lohre hat ein Buch über Männer geschrieben. Darin erklärt er Frauen, warum “Milde Kerle” gar nicht so schlecht sind.

Glaubt zu wissen, was Frauen wissen müssen über Männer: der Journalist Matthias Lohre (Foto: Fischer Verlage/Krüger).

Worum geht’s? “Männer sind die neuen Frauen”, behauptet Matthias Lohre und schränkt ein: “Aber sie sind nicht genauso wie Frauen.” Aha. Heißt das, sie emanzipieren sich, tragen dabei aber keine Röcke? Achten auf ihre Gesundheit, aber quasseln einem nicht die Ohren taub? Etwas klarer lässt sich erahnen, worum es dem Autor wirklich geht: In seinem szenenhaft geschriebenem Sachbuch ist es ihm eine Herzensangelegenheit, Frauen aufzuzeigen, was Kerle alles tun, um sich als Männer zu fühlen. Und dass sie mindestens ebenso lernwillig sind wie Frauen. Lohre, ein kompromissbereiter Frauen- und Männerversteher, führt uns den – in seinem Sinne – modernen Mann vor Augen, wie er sich zwischen “Schönling und Sportskanone”, “Genießer und Casanova”, “Lebenspartner und Super-Dad” durch den Alltag müht, um dem Idealbild des Mr Perfect nahezukommen, den sich Frauen herbeiträumen (Don Draper, natürlich Don Draper!). Lohres Bild des modernen Mannes ist sehr wohlwollend und kultiviert und schließt einfach gestrickte Gemüter und bornierte XY-Träger komplett aus.

Worum geht’s wirklich? Lohre hat ein Frauenbuch geschrieben. Ein Frauenbuch über Männer. Das erklärt schon das frühlingsmilde lauwarme Cover und die Unterzeile des Titels. Der Journalist behauptet in seiner Schrift, Frauen verlangen zu viel vom modernen Mann: Er soll stürmisch im Bett sein, aber auch rücksichtsvoll und zärtlich. “Er soll ein ganzer Kerl sein, aber die richtigen Windeln kaufen.” Das bekannte Dilemma der Verwirrung. In der Folge wirbt der Autor um Verständnis für die Überforderung seiner Geschlechtsgenossen. Und über allem schwebt die These: Der milde Kerl ist doch gar nicht so schlecht, was wollt ihr eigentlich mehr?

Wer ist der Autor? Matthias Lohre ist politischer Reporter und Sachbuchautor aus Berlin. Alle zwei Wochen schreibt er in seiner taz-Kolumne über Männer. Sein Buch Milde Kerle – was Frauen heute alles über Männer wissen müssen ist Ende Februar 2013 im Krüger Verlag/Fischer erschienen. Spiegel Online hat er ein Interview zum Thema gegeben.

Was steht da so drin?

Immer mehr Frauen verlangen heute offen nach einem Mann, der Karriere macht, aber auch Zeit für sie und die Familie hat. Einen Kerl, der nicht den Pascha spielt, aber die Familie ernähren können soll. Diese Forderungen sind nachvollziehbar. Viele Frauen haben gelernt, ihre Bedürfnisse zu verstehen und öffentlich zu benennen. Der Haken ist nur: Die Emanzipation der Männer hat damit nicht Schritt gehalten.

Frauen verhalten sich bei ihren Erwartungen an Männer nicht konsequent: Einerseits verlangen sie einen Partner auf Augenhöhe, der sie ernst nimmt. Andererseits folgen sie bei der Beziehungssuche immer noch einem alten Beuteschema: Sie wollen mehrheitlich einen “Statusüberlegenen Mann”, besser bekannt als “Versorger”.

Männer sollen attraktiv sein, aber Frauen sollen ihnen nicht ansehen, was sie dafür tun müssen. Sie sollen autark wirken.

Männer sollen werben, Frauen sich umwerben lassen. Die klaren Rollenverteilungen, die im Berufsleben, an Schulen und Unis längst aufgebrochen sind – im heiklen Spiel der Geschlechter sollen sie weiterhin Orientierung geben.

Wir brauchen nun mal die Eier. (Schlusssatz)

Wie ist es denn nun? Lohres “Erkundungsreise in den Männer-Alltag” ist ein Erklärungsversuch. Von einem emanzipierten Mann für Frauen, die Männer unterschätzen. Gut beobachtet, gründlich recherchiert, genau geschrieben. In vielen Punkten nicke ich, freue mich und schmunzle. Basiert meine Emannzipation doch auf demselben Ärger darüber, dass Frauen Unmögliches wollen und zuweilen alten Rollenbildern hinterhersehnsüchteln, gleichzeitig aber Gleichberechtigung auf breiter Front einfordern. Aus meiner Sicht hat das Buch nur einen Schönheitsfehler: Sich mit dem Zustand des “milden Kerls” zufriedenzugeben, damit kann ich mich nicht anfreunden (nicht wissend, ob ich nicht selbst einer bin). Warum nicht? Keine Ahnung. Vielleicht ist mir das Rollenbild etwas zu mild? Die Emannzipation, die ich vorschlage, geht über das Milde-Kerle-Dasein hinaus. Wieder mehr Männlichkeit wagen und dennoch emanzipiert und modern durchs (Liebes)leben zu flanieren, ist in meinen Augen eine (für beide Geschlechter) hoffnungsvollere Alternative Utopie.

Inspirationsfaktor auf der nach oben offenen Machismoskala: zwei von vier Augencreme-Probierdöschen.

3 thoughts on “Aufschrei der milden Kerle

  1. Seb says:

    “Sich mit dem Zustand des milden Kerls zufrieden geben.”
    Was heisst zufrieden geben? Er ist wie er ist. Er plädiert für Akzeptanz und Reflexion bei den Damen für ihre widersprüchlichen Anforderungen.

    Rennst du einem männlichen Abziehbild hinterher, oder kannst du dich nicht einfach akzeptieren? Welchem Klischee möchtest du entsprechen?

    Wenn du meinst, das noch ganz viel in dir zu entdecken ist und irgendwo in dir Conan der Barbar darauf wartet mit James Bond und einem windeln wechselnden Vater zum “perfekten” Mann verschmolzen zu werden dann viel Spaß beim entdecken. Aber spreche anderen nicht ab, sich gefunden zu haben und mit sich zufrieden zu sein.

    Mir ist egal was Frauen wollen. Mir ist wichtig was die Person will und deckt sich das mit meinen Vorstellungen und mit meinem Sein, dann kann man weiter sehen!

    • Julian says:

      Bitte nicht falsch verstehen: Ich spreche niemandem ab, mit sich selbst zufrieden zu sein. Im Gegenteil, wer mit sich im Reinen ist – herzlichen Glückwunsch (ich bin es noch nicht). Und ich finde es großartig, dass der Autor ist, wie er ist und darüber ein Buch schreibt, das den Frauen Erklärungen an die Hand gibt. Wenn du meine Besprechung gründlich liest, erkennst du darin, dass ich das Buch sehr wohl gut finde und dass sich vieles in unseren Anschauungen deckt.

      Mit dem Zusatz allerdings, dass ich persönlich (keine Vorschrift an andere), dass ich persönlich das Rollenbild des “milden Kerls” nicht gut für mich finde. Und dass ich glaube, dass moderne Männer noch etwas mehr aus sich herausholen können (vielleicht, das sind ja nur Thesen von mir).

      Im übrigen renne ich keinem Klischee hinterher, und die Conan-Bond-Vergleich sind Quark. Mit Verlaub.

  2. Alex says:

    Bei deiner Vorstellung eines modernen Mannes muss ich an Obama denken. Ein Mann mit einer Mission, genug Eiern und einer ordentlichen Portion Herz.

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