Irrwitzig überdrehte Männerphantasie

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March 23, 2014 by Julian Hartmann

Zwischen pubertärer Männerphantasie und Trash-Satire: Frank Hertels steiles Romandebüt “Susi vom Mars”. Eine Lese- und Schmunzelempfehlung auf “Schluss mit luschig!”.

Eine Art “Bezaubernde Jeannie” für satirisch veranlagte Lustmolche: Frank Hertels Debütroman “Susi vom Mars” (Foto: Schwarzkopf & Schwarzkopf).

Worum geht’s? Raucher haben besseren Sex. Zumindest für Franz ergibt dieser Blödsinn Sinn. Hätte der Werbetexter aus einem Kaff in Oberbayern damals keine Kippen bei sich gehabt, hätte er Susi nie kennengelernt. Und Susi ist eine Traumfrau. Nicht eine Traumfrau, die Traumfrau! Sie sieht umwerfend aus, hat magische Sexkräfte, kann Lottozahlen voraussagen und schweigt, wenn Mann will. Dass Susi eine Außerirdische ist, die sich auf Wunsch in ihre Zigaretten-Schachtel verkrümelt, sollte vielleicht noch erwähnt werden. Susi vom Mars kam mit einem Knall in das Leben des orientierungslosen 40-Jährigen: “Die Zigarette bewegte sich auf dem Boden vor der Hollywoodschaukel ganz von alleine. Sie rollte hin und her, dann verlängerte und krümmte sie sich, und irgendwann kam aus der Zigarette, die ich mir doch anzünden wollte, eine nackte Frau raus, etwa 1,80 groß, extrem rothaarig und gut gebaut.” In dreizehn Kapiteln erfährt der Leser, was Franz, den sie Hermann nennt, und “Susi vom Mars” so alles anstellen. So viel sei verraten: Aus Neuötting wird der beste Ort der Welt, aus Franz der König von Deutschland. Doch irgendwann lernt Susi die Bedürfnisse von Erdenfrauen kennen, sehnt sich nach einem normalen Leben mit Liebe, Kindern und einem eigenen Haus … 

Worum geht’s wirklich? Das Romandebüt von Frank Hertel ist eine irrwitzig überdrehte Männerphantasie. Eine Art “Bezaubernde Jeannie” für satirisch veranlagte Lustmolche. Die Fantasy-Story führt den schmunzelnden Leser von Neuötting in Oberbayern über China bis zum Mars. Es geht um Kohle, Macht und Megasex. Schäufele und Augustiner, Schweinshaxn und Whisky, um Kippen, Pferderennen und Beziehungsutopien. Um alles, was Kerlen das Leben erträglicher macht – hin und wieder. Es gibt so gut wie keine Konflikte in der episodenhaft erzählten Geschichte. Aus literarischer Sicht ist das eine Katastrophe. Hier ist es konsequent, weil Traumfrauen nun mal keinen Stress machen.

Wer ist der Autor? Frank Hertel, Jahrgang 1971, hat Soziologie studiert und unter anderem als Werbetexter gearbeitet. Seit 2010 ist er Schriftsteller und Hausmann in Neuötting. Zuletzt schrieb er die Sachbücher “111 Regeln für meine Tochter” und “111 Regeln für meinen Sohn” (beide Schwarzkopf & Schwarzkopf). Sein Debüroman fußt auf einer Kurzgeschichte, die der Autor in der Literaturzeitschrift “Krachkultur” veröffentlicht hatte.

Was steht da so drin?

Nein, Hermann, ich bin eine Spitzenfrau from Outerspace, ich kann mich nicht zurückhalten.

Erst schuf Gott den Mann. Dann schuf Gott die Frau. Dann tat ihm der Mann leid und er schuf den Tabak.

Die Wissenschaft rief mich. Ich entwickelte ein Auto mit Photosynthese-Antrieb. Autos reinigten ab sofort die Luft und versorgten sie mit Sauerstoff. Dafür bekam ich den Nobelpreis in Autowissenschaft. Ich verwandelte Kuhmist in Gold. Ich entdeckte als Archäologe unter Neuötting einen Tunnel, der zum Heiligen Gral führte. Ein riesiger Schatz der Menschheit war nun endlich gehoben. Dann gelang mir noch die Quadratur des Kreises und dann hatte ich auch genug kluge Dinge gemacht. Das Leben ist ja so kurz.

Wie ist es denn nun? Der Autor wagt den Spagat zwischen pubertären Männerphantasien und Trash-Satire. Für kurzweiliges Lesevergnügen sorgen der entschlackte Sprachstil und die ereignisreiche, schnelle Erzählung. Und natürlich die überirdischen Übertreibungen, die selbst Feministinnen zum Kichern bringen, bevor diese #aufschrei tweeten können – so sie denn Humor haben. Klar, dieser Roman ist eine steile Flucht in eine bizarre Traumwelt, nach Inspirationen fürs reale Leben braucht man nicht zu suchen. Aber diese schräge Fantasy mit Bezügen zu Bayern kommt so charmant und süffisant daher, dass man das Kopfkino gerne anschmeißt. Auch als emanzipierter Mann. Als emannzipierter Mann sowieso.

Traumfaktor auf der nach oben offenen Machismoskala: 100 von 10 multiplen Orgasmen

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