Forsche Männerforscherin

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April 15, 2014 by Julian Hartmann

Paula Lambert erweist sich in ihrem neuen Buch als genaue Beziehungsanalytikerin und profunde Männerkennerin. Allerdings übersieht die Autorin junge Entwicklungsströmungen.

Mann, Mann, Mann: Paula Lamberts neues Buch dreht sich nur um das Eine (Cover-Abbildung: Piper).

Worum geht’s? Es geht um uns. Um die Männer von heute zwischen 20 und 50. Paula Lambert schreibt (in erster Linie für Frauen), wie potentielle Partner einzuschätzen sind. “Zeiten ändern sich. Männer auch. Darum ist es wichtig, bei der Partnerwahl die Zeichen zu deuten und die neuen Kerle richtig zu interpretieren”, meint die Autorin. Und verspricht: “Wie Sie das problemlos schaffen, erklärt Ihnen dieses Buch.”

Worum geht’s wirklich? Paula Lambert kennt die Männer? Nein. Sie kennt viele Männer. Und darüber schreibt sie. Aus ihrer Sicht, von ihren Erfahrungen, kein Anspruch auf Vollständigkeit. Sie tut das mit Herzblut, Selbstironie, Humor und Tiefgang, erweist sich als Kritikerin beider Geschlechter sowie der Gender-Gleichschaltung. Sie schafft Ordnung, indem sie eine zeitgemäße Typologie entwirft, erklärt wichtige Phänomene, um sich dem Mysterium moderner Mann zu nähern: vom “Eigentlich-Mann”, dem es an Haltung fehlt, über den “Symbiose-Mann”, der sich mangels fehlender Orientierung zu stark anpasst, das “Goldnugget” und den “Ich-bin-noch-nicht-so-weit-Mann” bis hin zum “Kinder-Mann”, der seine Männlichkeit schwinden sieht und über den dessen Frau spricht, als wäre er ein Haustier. Natürlich ist das alles höchst subjektiv und selektiv, aber gut, es ist ja auch ihr Buch. Die Typologien speisen sich aus persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen, enthalten mitunter kluge Theorien wie die der vaterlosen Kindheit und Jugend vieler Männer sowie deren Folgen (siehe Zitate unten) und münden in zuweilen etwas zu plakativ gestrickten Lernzielen für die moderne Beziehungsfrau. Das Bindeglied der Kapitel sind kolumnenartige Exkurse und Listen, die nur selten die Kraft ihrer Langtexte erreichen, vor allem was den Humor und die Originalität betrifft.

Keine Angst, die will nur schreiben: Männerforscherin Paula Lambert (Foto: Ben Lamberty).

Wer ist die Autorin? Paula Lambert ist ein (ziemlich gutes) Pseudonym. Geboren wurde sie 1974 in München, heute ist sie Journalistin und Autorin und lebt in Berlin. Viele Männer kennen ihre exquisite GQ-Kolumne, in der sie sich als witzige und kluge Beziehungs- und Sex-Expertin mit Stil und Haltung empfiehlt. Sie hat bereits mehrere Bücher verfasst und ist gern gesehene Diskussionsteilnehmerin, wenn es um Lust und Frust im Gender-Dschungel geht. Auf Sixx läuft ihre Ratgeber-Reihe Paula kommt – Sex und gute Nacktgeschichten.

 

Was steht da so drin?

Der Feminismus verhält sich zur Entwicklung der Männlichkeit wie der Klimawandel zur Erde. Es geht zu schnell, die Folgen sind unabsehbar, und um das Schlimmste abzuwenden, müsste man voll auf die Bremse treten.

Die Männer, mit denen es Frauen zwischen zwanzig und fünfzig heute zu tun haben, sind weitgehend vaterlos aufgewachsen oder wurden von Vätern aufgezogen, die ihrerseits vaterlos aufgewachsen sind. Vaterlos sind übrigens auch jene, deren Väter ständig an ihrer Karriere gebastelt haben, anstatt sich zu Hause einzubringen.

Sex ist wie Schnee. Du weißt nie, wie viele Zentimeter du bekommst oder wie lange er hält.

Der entscheidende Unterschied zwischen Männern und Frauen (und übrigens auch die Quelle des Reizes) ist natürlich wesentlicher als Oberflächlichkeiten wie Klamotten. Dennoch scheint es biologisch unter Frauen eine gewisse Affinität zu schönen Kleidungsstücken zu geben, zu schicken Schuhen und ein wenig Schminke im Gesicht. Ich finde das nicht so verwerflich, dass man sich deshalb schämen müsste.

Die Ungerechtigkeiten, mit denen Männer heute in der Geschlechterdebatte konfrontiert sind, ziehen sich bis in universitäre Ebenen. Es gibt massenweise Lehrstühle für Frauen- und Genderforschung, aber beschäftigt sich jemand mit dem Mann an sich? Fehlanzeige.

Gibt es die perfekte Beziehung? Ich bin geneigt zu sagen, ja. Aber es gibt sie ungefähr so selten wie Perlen in Supermarktaustern.

Wie ist es denn nun? Beinahe hätte ich diese Frage nicht beantworten können, weil ich kurz davor war, die Lektüre abzubrechen. Kein Witz. Denn der Anfang ist abgelaufener Magerquark. Bevor das Buch beginnen darf interessant zu werden, präsentiert uns die Autorin “unverrückbare Tatsachen”, die weder lustig sind, noch wahr, und die wirken, als wären sie in den frühen Neunzigern von einem unbeholfenen Mädel geschrieben worden. “Männer ziehen ihre Socken aus, riechen an ihnen und sagen dann: Die gehen noch”, “Männer heben beim Furzen eine Arschbacke”, “Männer kratzen an den Hoden”. Solcher Stumpfsinn. Als kultivierter, modernern Mann fragt man sich: Hatte es Paula Lambert wirklich nur mit Testosterontonis der übelsten, überholtesten Sorte zu tun? Hoffentlich nicht. Hoffentlich gingen ihr lediglich die Pointen aus.

Der Ärger verfliegt, liest man weiter. Denn abgesehen von wenigen weiteren platten Entgleisungen (einen Mann nur dafür zu loben, dass er im Supermarkt einkaufen war, finde ich schlimm – und sei es nur aus taktischen Gründen) sind Lamberts Ausführungen meist sehr analytisch und treffsicher. Sie ist eine genaue Beobachterin, allzeit neugierig und sehr, sehr offen. Das schätze ich besonders. Weder wird hier einseitig die Sturheit der Männer verurteilt, noch das moderne Frau-Sein geschont. Auch erzählerisch ist Paula Lambert stark: Sie schreibt klar und präzise, mit fein dosiertem, elegantem Humor. Wie ein guter Damenduft. Nicht zu aufdringlich, aber betörend. Von dieser Autorin würde ich gerne einen Roman lesen.

Als Antreiber der Emannzipation muss ich ihr allerdings in einem wichtigen Punkt widersprechen. Sie behauptet:

Leider gab es als Pendant zur Frauenbewegung bis zum heutigen Tage keine vernünftige Männerbewegung, die sich mit einem neuen Rollenbild auseinandergesetzt hätte. Das Einzige, was an Männerbewegung passiert ist, ist die alberne Bruderschaft der Pick-up-Artists … Aber sei’s drum. Es ist, wie es ist.

Mit Verlaub, hier irrt Paula Lambert. Es ist eben nicht, wie es scheinbar ist. Denn tatsächlich hat sich beim neuen Männerbild in den vergangenen Jahren einiges getan. Das müsste sie wissen. Meine Emannzipation mit den Thesen des modernen Machismo ist da nur ein Beispiel von vielen. Blogger-Kollegen wie Anchu Kögl oder Philipp Czerny mit seiner Konferenz Mann sein dürfen tragen viel zum Diskurs über den modernen Mann bei. Das Umdenken von der Orientierungslosigkeit hin zu einem modernen, durch und durch männlichen Selbstbewusstsein hat längst begonnen. Schon klar, die Strömungen mögen alle kein Mainstream sein, noch nicht. Aber im Untergrund tut sich was. Und das ist gut so.

Respektfaktor auf der nach oben offenen Männerkennerskala: 4 von 6 Handküssen.

3 thoughts on “Forsche Männerforscherin

  1. Sina says:

    Eine sehr interessante Frau mit ebenso interessanten Textpassagen🙂 Das Buch klingt lesenswert. Aber gerade Thema Männer. Zum Amüsieren kann ich euch auch die Seite ans Herz legen, aber nicht zu ernst nehmen, haha. http://maenner-kram.de/

  2. Der Mann, der die Essenz von Männlichkeit mir bislang am besten vermitteln konnte, ist natürlich keine Frau:
    http://m.youtube.com/playlist?list=PLA9AEidR16F6bF5Iel3fvcA2SIY6K8buv

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