Darwin und die breitbeinigen Dasitzer

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November 8, 2014 by Julian Hartmann

Expedition ins Männerreich. So heißen im Buch “Schluss mit luschig!” die Kolumnen über meinen Alltag als Mann. Eine Kostprobe: Beinverdreher vs. Breitbeiner.

Es gibt Frauen, die überschlagen sich doppelt. Also ihre Beine. Kennt ihr das, wenn sich Beine doppelt überschlagen? Sich regelrecht verknoten, als wären die Unterschenkel aus Weichgummi und nicht aus Knochen gebildet? Meist sind es unverschämt und unverhältnismäßig und unvergesslich und unverwechselbar lange Beine, ansonsten wäre das anatomisch gar nicht möglich, dass sich das rechte über das linke legt, damit sich die Fuß- oder Schuhspitze des aktiven unter das Standbein schiebt. Oder eben andersrum. Also das linke über das rechte und so weiter. Das liegt in der Laune der Frauennatur.

Legs2

Überschlagende Argumente (Foto: Pavlos Stamatis via https://www.flickr.com/photos/skoupidiaris/)

Männer sind auch launisch. Aber sie verknoten sich nicht. Also ihre Beine. Warum eigentlich nicht? Hin und wieder sieht man sie schon, die aparten Beinverdreher, aber der Normalfall bei Männern ist, da wird niemand widersprechen, das breitbeinige Dasitzen. Das sieht so plump aus, wie es klingt. Dasitzen. Kerle dasitzen beim Fußball auf dem Sofa, beim Nichtstun in der U-Bahn und – sehr beliebt – beim Dampfplaudern in Talkshows. „Schauen Sie nur, Herr Jauch, wie ich dasitze, als Alphamännchen habe ich die Macht dazu, also lassen Sie mich gefälligst ausreden, Sie Hemd!“

Ich zähle Vertreter dieser Disziplin gerne zur Sorte Testosterontoni. Männer, die glauben, zu viel Sexualhormone in sich zu tragen, ach was, die fest davon überzeugt sind, aus Testosteron zu bestehen. Eine steile These geht so: Je größer der Winkel zwischen den Dasitzerschenkeln, desto größer die Selbstüberschätzung ihrer Besitzer.

Survival of the fittest Dasitzer

Was den meisten Breitbeinern womöglich nicht bewusst ist: Aus medizinischer Sicht ist ihr Verhalten – im Unterschied zur Sicht der Ästheten – gar nicht mal so falsch. Andrologen behaupten ja, dass mehr Spermien bildet, wer die Temperatur in den Hoden kühl hält. Und das körpereigene Kühlsystem funktioniere nicht mehr – Bingo! -, wenn Mann mit übereinandergeschlagenen Beinen sitzt. Kein Witz, sondern wieder einmal Darwin. Survival of the fittest-Dasitzer. Wer seine Hoden kühl hält, stirbt nicht aus. Breitbeinig gewinnt. Da können sich die Dandys verknoten, bis sie umkippen.

Legs

Doppelter Knoten und einfacher Dasitzer (Foto: Greg Neate via https://www.flickr.com/photos/neate_photos/).

Dass ich meine Beine trotzdem lieber übereinanderschlage, liegt nicht etwa an einem nicht vorhandenen Kinderwunsch (so leicht lässt sich meine Spermienproduktion auch wieder nicht beeinträchtigen). Stattdessen bin ich der festen Überzeugung, dass der Beinschlag besser zu mir passt und eleganter aussieht. Der einfache Überschlag wohlgemerkt, der doppelte wirkt schon arg verkrampft (wer mag, darf das gerne ausprobieren, am besten gleich, Anleitung siehe oben).

Natürlich hab ich‘s auch als Breitbeiner versucht. Und natürlich fühlt es sich bequem an. So befreiend, wie im Stehen zu pinkeln oder ungeniert zu rülpsen. Man muss halt die Blicke derer ertragen, die sich durch diese überflüssige Demonstration der  Dominanz oder schlichtweg des schlechten Benehmens gestört fühlen, und das sind nicht nur Frauenblicke. Bei weitem nicht mehr. Aber jeder, wie er mag. Es ist ja kompliziert. Mit Sicherheit gibt es auch Männer, die sich durch den verführerischen Doppelknoten in – womöglich auch noch nackten oder feinbestrumpften – Frauenbeinen irritieren lassen. Weil ihnen ganz schwindelig wird bei diesem Anblick.


61739-3 Hartmann_U4.inddMehr Kolumnen (Expedition ins Männer-, Frauen- und Pärchenreich) gibt es in dem Taschenbuch Schluss mit luschig! Anleitung zum Mannsein, erschienen 2014 im Rowohlt-Verlag. Hier bestellen. Das schreiben die Medien über “Schluss mit luschig!”.

One thought on “Darwin und die breitbeinigen Dasitzer

  1. Vince March says:

    Doch was tun, wenn man die Beine gar nicht übereinander schlagen kann? Das gegensätzliche Extrem des Doppelknotens also.

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